Elfenwinter by Bernhard Hennen

Elfenwinter by Bernhard Hennen

Author:Bernhard Hennen [Hennen, Bernhard]
Language: deu
Format: epub


VON FALKEN UND WÖLFEN

Alfadas blickte den langen, gewundenen Weg hinab, dem sie nun schon seit Stunden folgten. Anderthalb Tage war das Heer fast nur bergauf gestiegen. Zunächst noch durch Wälder, an sanft ansteigenden Bergflanken vorbei, doch bald darauf wurde der Weg immer härter. Er wand sich in engen Kehren zwischen schroffen Felsen hindurch, und zuletzt ging es eine Steilwand hinauf, gefangen zwischen den Himmeln. Auf der linken Seite gab es einen Abgrund, so tief, dass sie das Gefühl hatten, selbst schon im Himmel zu sein. Rechts ragte die steile Felswand auf, und über ihnen lag wieder strahlend blauer Himmel. Manche Männer hatten die Nerven verloren, und man hatte ihnen die Augen verbunden, weil sie den Anblick der Tiefe nicht ertragen konnten. Drei lagen gefesselt auf den Hundeschlitten, weil sie nicht mehr weitergehen wollten. War es die Schönheit des Landes, das sich zu ihren Füßen ausbreitete, die ihnen den Verstand raubte? Diese Welt fühlte sich so anders an… Und dazu kamen noch die Amulette, die dem Winter seine Härte nahmen. Es war ein Ort, der nicht für Menschen geschaffen war. Allein der Tod erlaubte einem, für immer hier zu bleiben.

Alfadas wischte sich den Schweiß von der Stirn. Weit über ihm ertönte erneut der helle Klang der Eispickel. Immer wieder versperrten funkelnde Eiskaskaden den Weg.

Die Elfen hatten einen Voraustrupp losgeschickt, der diese Hindernisse beseitigte. Graf Fenryl war ein fähiger Anführer. Und er hatte sich den Menschen gegenüber erstaunlich aufge-

schlossen gezeigt. Bislang klappte es recht gut mit dem Nebeneinander der verschiedenen Völker. Wenigstens diese Sorge war unnötig gewesen, dachte Alfadas. Er war auch überzeugt, dass es kein Zufall war, wenn sie bald auf die Flüchtlinge träfen. Diese Zusammenkunft war sicher von vornherein beabsichtigt gewesen. So konnten sich die Menschen als Beschützer fühlen. Gegen wen sollten sie die Elfenflüchtlinge hier auf dem Eis schon verteidigen? Die Flotte der Trolle war noch hunderte Meilen entfernt, hatte Graf Fenryl Alfadas verraten. Diese Flüchtlinge brauchten gar keine Eskorte. Jedem der Elfen musste das klar sein. Der Herzog hoffte, dass seine Männer diese List nicht durchschauten. Sie würden es wahrscheinlich so auffassen, dass man sie wie Kinder behandelte. Mit Getöse stürzten Eisbrocken über die Klippe. Alfadas sah, wie sie in der Tiefe die grauen Klippen streiften und in einen Schleier silbern funkelnder Splitter gehüllt im Abgrund verschwanden. Voraus erklang ein Hornsignal. Der Weg war wieder frei. Langsam setzte sich der lange Zug aus Elfen, Menschen und Hundeschlitten wieder in Bewegung.

Es war beklemmend, durch eine Winterlandschaft zu marschieren und keinerlei Kälte zu spüren. Wind schlug Alfadas ins Gesicht und zerrte an seinem schweren, roten Umhang, aber er biss ihm nicht in die Haut, so wie es sein sollte. Dem Winter war der Stachel genommen. Ohne Zweifel war es angenehmer. Alfadas sah sehr wohl den Raureif im Pelz der Hunde, und er konnte sich vorstellen, wie mörderisch die Kälte sein musste. Wahrscheinlich würde sich sein Atem als Eis in seinem Bart verfangen, wenn er dieses Amulett nicht hätte. Die Kälte würde sein kleines Heer auszehren und die Schwächsten unter den Männern womöglich sogar umbringen.



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